[19.12.1975 Klaus-Peter Seidel erschossen]
Klaus-Peter Seidel – Ein Leben, das zu früh endete.
Oberschöneweide, Dezember 1975. Ein kalter Morgen, der für eine Familie alles verändern sollte. Klaus-Peter Seidel, 21 Jahre alt, ein junger Mann mit Träumen, Plänen und einem Lächeln, das seine Mutter später als „unvergesslich“ beschreiben würde, war seit vier Tagen nicht mehr nach Hause zurückgekehrt. Doch was als Routine-Weihnachtsurlaub hätte enden sollen, wurde zum Albtraum.
Ein Junge aus Oberschöneweide
Klaus-Peter kam am 22. Oktober 1954 in Weimar zur Welt – das einzige Kind von Horst und Johanna Seidel. Mit vier Jahren zog die Familie nach Oberschöneweide, in einen Neubau, der Hoffnung und Aufbruch symbolisierte.
Hier wuchs er auf, in der Straße an der Wuhlheide, inmitten von Spielplätzen und Freunden, mit denen er trotz aller Verbote die Welt erkundete. „Wir stromerten herum, als gehöre uns die Stadt“, erinnerte sich sein Schulfreund Ralf Borst später.
Seine Lehrerin, Erika Krukenberg, beschrieb ihn als einen ruhigen Jungen, der die Naturwissenschaften liebte, Streit friedlich schlichtete und immer bemüht war, Brücken zu bauen – zwischen Menschen, zwischen Ideen. Seine Mutter schrieb:
„Du warst stets bereit, zu schlichten, wenn der Streit zu heftig wurde.“ Klaus-Peter zeichnete, las, ruderte, radelte – und war, wie sie stolz betonte, „auch sportlich bei weitem keine Niete“.
Zwischen Träumen und Pflicht
Nach der Schule begann er eine Berufsausbildung mit Abitur als Baufacharbeiter. Der Balaton-Urlaub mit Freunden im Sommer 1975 war ein letzter Ausbruch in die Freiheit, bevor der Ernst des Lebens begann: ein Studium an der Ingenieurhochschule für Bautechnologie in Cottbus.
Doch davor stand der Grundwehrdienst – 18 Monate bei den Grenztruppen. entsprechend seines erlernten Baufacharbeiter-Berufs zwar zu den Pionieren gemustert, aber zu den Grenztruppen einberufen.
Seine Mutter kämpfte verzweifelt dagegen an. Sie ging zum Wehrkreiskomando Köpenick, protestierte so vehement, dass man sie fast nicht mehr gehen ließ. „Pass auf dich auf“, flehte sie. Er lachte, strich ihr über die Hand: „Mutti, hab doch nicht immer solche Angst um mich. Es passiert mir doch wirklich nichts.“
Der 19. Dezember 1975
Fünf Tage vor Weihnachten klingelten Uniformierte an der Tür. „Frau Seidel, Ihr Sohn ist tot. Man hat ihn umgebracht.“ Klaus-Peter war am Grenzsicherungspunkt Waldecke Staudig erschossen worden – von Werner Weinhold, einem Deserteur, der mit einer Kalaschnikow und gestohlener Munition durch die damalige DDR floh. Weinhold, Adoptivsohn eines linientreuen Gewerkschaftsfunktionärs, hatte zuvor Polizisten bedroht. Klaus-Peter und sein Kamerad Jürgen Lange hatten nicht einmal geschossen.
Die offizielle Trauerfeier fand am 23. Dezember 1976 im Krematorium Baumschulenweg statt – mit Salutschüssen aus Gewehren, als wäre sein Tod ein Akt der Ehre. Die Beerdigung folgte im engsten Kreis. Sein Grab auf dem Waldfriedhof Oberschöneweide ist heute nicht mehr sichtbar. Doch bei Führungen des Industriesalons über den Friedhof wird an der ehemaligen Grabstelle innegehalten. Hier wird Klaus-Peter Seidel gedacht. Hier wird seine Geschichte erzählt.
Gerechtigkeit?
1976 wurde Werner Weinhold im Westen freigesprochen – Notwehr, hieß es. Doch der Bundesgerichtshof hob das Urteil auf. 1978, vor dem Landgericht Hagen, durften Klaus-Peters Eltern teilnehmen. Weinhold bat die Angehörigen um Verzeihung.
Das Urteil: fünf Jahre sechs Monate für Totschlag.
Doch was bleibt?
Ein leerer Platz im Familienalbum. Ein Name, der bei Führungen über den Friedhof erwähnt wird. Die Erinnerung an einen jungen Mann, der die Welt verstehen wollte – und der einfach nicht mehr nach Hause kam.
Manchmal fragt man sich: Was wäre geworden aus Klaus-Peter Seidel? Ein Ingenieur? Ein Vater? Ein Mann, der weiter Brücken baute – nicht nur aus Beton, sondern zwischen Menschen? Die Antwort liegt begraben unter dem Schnee von 1975. Doch solange seine Geschichte erzählt wird, ist er nicht vergessen.